Christian Felber in Osttirol
Gerechtigkeit in der Wirtschaft – eine Utopie?

Ausgehend von der Ausstellung „Gerecht?“ im Museum Aguntum ging Christian Felber, der Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie, am 24. September 2026 in einem gut besuchten Vortrag der Frage nach, wie gerecht unser heutiges Wirtschaftssystem ist.
Mit der Frage „wie lange hat es gedauert, bis der reichste Mensch der Welt nicht mehr 100 Milliarden sondern 1 Billion Dollar Vermögen erreicht hat“ war das Publikum sofort mitten im Thema. Die Antwort: 8 Jahre (von 2018 bis 2026) machte betroffen. Nur 12 Personen besitzen 50 Prozent des weltweiten Vermögens, gleichzeitig gibt es kaum Verbesserungen bei der Armut und dem Hunger auf der Welt und die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf.
Dabei steht in der Verfassung vieler Länder, so auch der Republik Österreich, dass der Staat der „res publica“ zu deutsch der „gemeinsamen Sache“ aller Bürgerinnen und Bürger verpflichtet ist. In der Bayerischen Verfassung steht direkt: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.“ Warum laufen dann „Theorie“ und „Praxis“ so weit auseinenader? Die Antwort liegt in den Wirtschaftswissenschaften und in den primär monetären Methoden unserer Erfolgsmessung begründet. Wir messen den Erfolg einer Volkswirtschaft vornehmlich mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) und den Erfolg einer Unternehmung mit dem Finanzgewinn. Und so hat sich das Geld im Laufe der Zeit von einem „Mittel“ des Wirtschaftens zum „Zweck“ verkehrt.
Könnte es auch anders gehen? Felber zeigte anhand der Prinzipien der Gemeinwohl-Ökonomie einen praktikablen und bereits in der Praxis erprobten Lösungsansatz auf:
Wir könnten auf volkswirtschaftlicher Ebene das Bruttoinlandsprodukt durch ein „Gemeinwohl-Produkt“ ersetzen. Konkrete Ideen über den Weg der Umsetzung gibt es bereits. Bhutan hat es vorgezeigt, dort gibt es schon seit 1979 anstelle des BIP das „Bruttonational-Glück“. Und neben den „Finanzgewinn“ könnte bei Unternehmen die „Gemeinwohl-Bilanz“ gestellt werden. Rund 1500 Betriebe weltweit wenden diese Methode bereits seit Jahren an, darunter auch 10 Betriebe in Osttirol. Mittelfristig sollte es dazu führen, dass Unternehmen, die verantwortungsvoll und nachhaltig wirtschaften, keine Wettbewerbsnachteile mehr in Kauf nehmen müssen.
Auch zur Eindämmung der Auswüchse bei der Vermögens- und der Einkommens-Ungleichheit gibt es konkrete Ansätze. Laut Umfragen würde ein überwiegender Teil der Bevölkerung in Europa das befürworten, es fehlt aber bisher die politische Bereitschaft zur Umsetzung. Das rasche Wachsen der Gemeinwohl-Ökonomie Bewegung gibt allerdings Anlass zur Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit zu positiven Veränderungen kommt.
Der Vortrag war eine Kooperationsveranstaltung der Gemeinwohl-Ökonomie Tirol, der Tiroler Landesmuseen, dem Museum Aguntum und dem Bildungshaus Osttirol. Die Ausstellung „Gerecht?“ mit 34 Objekten und deren Geschichten über soziale Ungleichheiten ist noch bis 4. Oktober im Museum Aguntum zu sehen.
DI Reinhold Obermayr
GWÖ-Tirol
Der Artikel erschien am 1. Oktober 2026 in der Printausgabe des Ostiroler Boten.